Gespräch mit Beate Jessel
Die Fragen stellte Jürgen Forkel-Schubert
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Forkel-Schubert: Welche Maßnahmen aus dem Kapitel C 14 zum Aktionsfeld Bildung und Information der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt stehen für das Bundesamt für Naturschutz an der Spitze der Agenda?
Jessel: Bildung und Information sind außerordentlich wichtige Felder für eine erfolgreiche Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die im vergangenen November von der Bundesregierung verabschiedet wurde. Wir engagieren uns hier mit Forschungs- und Entwicklungsvorhaben sowie mit Modellprojekten in allen Bildungsbereichen, von Kindergärten über Schulen bis zu den außerschulischen Einrichtungen, und für alle Generationen, von Kleinkindern bis zu den Erwachsenen, um unseren anspruchsvollen Zielen gleichermaßen und gleichzeitig näher zu kommen. Aufgrund ihrer Rolle bei zukünftigen gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen kommt Kindern natürlich eine besondere Bedeutung zu, der wir uns sehr bewusst sind. Sie sind die Entscheider und Multiplikatoren von morgen. Daher haben Bildungsprojekte, bei denen Kinder und Jugendliche im Vordergrund stehen, oberste Priorität.
Forkel-Schubert: Für welche Themenschwerpunkte und Zielgruppen wünschen Sie sich in den kommenden Jahren verstärkt flankierende Bearbeitung in den Bildungseinrichtungen?
Jessel: Seitens aller Bildungseinrichtungen, also sowohl von Schulen als auch von außerschulischen Institutionen, wünsche ich mir in den kommenden Jahren ein verstärktes Engagement zur Verknüpfung des Themenfeldes "biologische Vielfalt" in seiner ganzen Breite und Tiefe, d.h. Schutz und Erhalt der Arten- und Lebensraumvielfalt, nachhaltige Nutzung der Ressourcen und gerechter Vorteilsausgleich verbunden mit den Zielsetzungen der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und der Stärkung der Gestaltungskompetenz. Dies bezieht sich im Übrigen nicht nur auf unsere Kinder und Jugendlichen. Auch viele Erwachsene müssen hier noch eine ganze Menge dazu lernen.
Forkel-Schubert: Die meisten genannten Maßnahmen sind in Verantwortung von Ländern, Kommunen und Verbänden. Welche Unterstützung kann hier das BfN anbieten?
Jessel: Das BfN hat hier die Möglichkeit, mit Mitteln des Bundesumweltministeriums Modellprojekte mit Vorbildfunktion zu fördern oder aber auch beispielhafte Bildungsmaterialien zum Thema biologische Vielfalt zu entwickeln. Letztere sind im Übrigen nicht nur für Schulen, sondern auch für spezielle Ausbildungsbereiche wie Luft- oder Tauchsport verwendbar. Auch haben wir die Möglichkeit, innovative und bundesweit bedeutsame Öffentlichkeitsprojekte der Verbände zu unterstützen. Wir sind in diesem Bereich sehr aktiv und werden dies auch weiterhin sein.
Forkel-Schubert: Zu Ihren Schwerpunkten gehören die landschaftliche Ebene und die Schaffung vielfältiger Landnutzungsmuster. Wie schätzen Sie das Potenzial, aber auch die Realisierbarkeit von ausgewiesenen Naturerfahrungsräumen ein?
Jessel: Wir brauchen insbesondere innerhalb und in der Nähe urbaner Räume Orte, wo junge, aber auch ältere Menschen Natur unmittelbar erfahren können. Naturerfahrung ist für die einen Erholung und Müßiggang, für die anderen aber aktives Erleben. Die Natur in Naturerfahrungsräumen kann demnach ein stilvoll angelegter Park ebenso sein wie eine verwilderte Brache auf einem ehemaligen Bahngelände, oder aber ein naturnah gestalteter Erlebnisspielplatz für Kinder.
Umfragen belegen, dass Menschen ein grünes Wohnumfeld bevorzugen. Potenzial und Realisierbarkeit von Naturerfahrungsräumen hängen also in hohem Maße vom Willen und der Kreativität der verantwortlichen Kommunalpolitiker und -politikerinnen ab. Bei Planung und Umsetzung sind dem Einfallsreichtum kaum Grenzen gesetzt. Auch Friedhöfe können Orte mit einer großen Vielfalt an Lebensformen sein. Im Übrigen hat das BfN erst kürzlich ein Handlungskonzept für das Management siedlungsnaher Flächen für Erholung und Naturerlebnis herausgegeben, das sich insbesondere an Kommunalverwaltungen richtet.
Forkel-Schubert: In der Bildung für nachhaltige Entwicklung bewegen sich Akteure aus Umwelt und Entwicklung aufeinander zu. Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit in Zukunft ein? Welche Adressaten aber auch welche Bildungsakteure sehen Sie für Themen wie dem sogenannten Access and Benefit Sharing (ABS), d.h. den Zugang zu genetischen Ressourcen und dem gerechten Vorteilsausgleich?
Jessel: Es ist die große Chance der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung", dass sich die Akteure der verschiedenen "Umwelt-Szenen", also des Naturschutzes, des Klimaschutzes, der Eine-Welt-Bewegung usw. zusammenschließen. In einem Workshop in unserer Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm haben wir im vergangenen Herbst die schöne Erfahrung gemacht, dass sich gerade diese Akteure sehr offen aufeinander zu bewegen und es sehr schnell zu neuen Projektideen und kreativen Kooperationen mit Win-Win-Effekten gekommen ist, die zum Teil bereits erfolgreich angelaufen sind. Ich denke, diese Bewegung ist in einem zunehmenden Schwung und hoffentlich auch nicht mehr so schnell zu bremsen. Auch die Erfahrungen mit dem NGO-Forum "Umwelt und Entwicklung", das gerade jetzt bei der Vorbereitung zur 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) sehr aktiv ist, belegt diesen Eindruck.
Das sind natürlich die gleichen Akteure, die das Thema "gerechter Vorteilsausgleich" auf der Tagesordnung für die Politik halten. Denn beim Thema "ABS" sind die Adressaten diejenigen, die genetische Ressourcen nutzen und besitzen. Auf der Vertragsstaatenkonferenz in Bonn sollen ja nun alle diese Akteure aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Verbänden und der indigenen Völker die globale Aufgabe vorantreiben, ein weltweites ABS-Regime zu entwickeln. Entsprechend sind auch die Bildungsakteure in einer großen thematischen Breite gefragt, in den Schulen sowohl in den natur- und sozialwissenschaftlichen wie auch in den musischen Fächern. Vielleicht kann das Thema "gerechter Vorteilsausgleich" Jugendliche im Rahmen eines spannenden, kreativen Tanzprojektes ja eher erreichen als beispielsweise in einer überwiegend kopflastig gestalteten naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunde.
Forkel-Schubert: Die Diskussion um die Fokussierung auf den ökonomischen Wert bei der Kommunikation zum Schutz biologischer Vielfalt verläuft kontrovers. Welche Rolle spielt sie für die Arbeit des BfN?
Jessel: Begründungen für den Schutz von Natur und biologischer Vielfalt sind nicht eindimensional, sondern stützen sich in Deutschland traditionell auf verschiedene Argumentationslinien, beispielsweise auf die ökologisch/naturwissenschaftliche, die kulturelle, ethische oder eben auch die ökonomische. Folglich finden wir diese Stränge auch in allen Bereichen der Naturschutzkommunikation wieder.
Allerdings sehe ich hier keine echte Kontroverse und auch aktuell keine Fokussierung der Kommunikation auf den ökonomischen Wert der biologischen Vielfalt. Für eine erfolgreiche Kommunikation ist es wichtig, dass wir die Zielgruppen, die wir erreichen wollen, genau kennen und unsere Kommunikationsstrategie darauf ausrichten. Denn Werthaltungen und Lebensstile sind eben nicht bei allen Menschen gleich. Und wenn gerade nach dem beeindruckenden Stern-Report (Stern Review on the Economics of Climate Change) zu den Folgen des Klimawandels für Großbritannien die ökonomische Argumentationslinie im großpolitischen Raum besonders Erfolg versprechend ist, so sollte der Naturschutz diese auch nutzen. Aber auch für die regionale Ebene, beispielsweise für Menschen in unseren Großschutzgebieten sowie für Akteure der Kommunalpolitik, des Hotelgewerbes oder des Handwerkes, sind Daten zu den ökonomischen Effekten ihres National- oder Naturparks vor der Haustüre zur Akzeptanz und auch emotionalen Wertschätzung von Bedeutung.
Im BfN befassen wir uns jedoch wissenschaftlich auch zukünftig mit allen Argumentationslinien für den Schutz der biologischen Vielfalt. Wir haben weiterhin einen Schwerpunkt im Bereich des Arten- und Biotopschutzes, aber auch einen sozioökonomischem Fokus im Bereich der nachhaltigen Nutzungen wie Agrar- und Forstbereich, Wasserwirtschaft, Tourismus und Erholung. Allerdings wollen wir gerade mit Blick auf die großen Herausforderungen des Biodiversitätsverlustes und des Klimawandels auch die ethischen Fragen und Begründungen verstärkt wieder aufgreifen. Ich denke, dass gerade dies sich auch sehr gut mit Fragen zur Entwicklung von Gestaltungskompetenz, die wir ja im Zusammenhang mit der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" erreichen wollen, verknüpfen lassen wird.
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