Editorial
Prof. Dr. Gerhard de HaanBildende
"Tu Gutes und sprich darüber!"- nach diesem Grundsatz handeln immer mehr Unternehmen. Viele richten eigene Abteilungen für Corporate Social Responsibility (CSR) ein. Ist CSR dabei mehr als ein Marketingkonzept, mit dem Unternehmen ihr Image aufpolieren? Kann CSR zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?
In der wörtlichen Übersetzung steht CSR für unternehmerische (Sozial-) Verantwortung. Unternehmen engagieren sich für Umwelt und soziale Belange. Sie stiften Krankenhäuser und Professuren, unterstützen Aufforstungsaktionen und stellen kostenlose Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Einige organisieren Wettbewerbe, die nach Ideen für eine bessere Welt suchen und verpflichten sich, ihre Schadstoff-Emissionen zu verringern.
Unternehmerische Verantwortung ist trotz des modischen Etiketts "CSR" nicht neu: Soziales Engagement für die eigenen Mitarbeiter, aber auch für die Region waren und sind vor allem bei Inhaber geführten Betrieben keine Seltenheit. Kritiker bezweifeln aber, dass alle Aktivitäten, die Unternehmen als CSR titulieren, wirklich im Sinne der Nachhaltigkeit wirken. Wie nachhaltig handelt eine Firma, die die Löhne ihrer Arbeiter kürzt und das Geld in eine teure grüne Image-Kampagne investiert? Oder ein Unternehmen, das ein soziales Projekt in seiner Heimatstadt unterstützt, aber in anderen Ländern seine Abwässer direkt in die Flüsse leitet? Wie effektiv sind Verpflichtungen zu freiwilligen Umwelt- und Sozialstandards, wenn niemand sie kontrolliert? Unternehmen veröffentlichen oft eine Flut von Daten über ihre Aktivitäten. Nachhaltigkeitsberichte und Aktionsbriefe haben oftmals einen ganz unterschiedlichen Tenor. Das Engagement einer Firma zu beurteilen fällt damit nicht leicht, auch weil verbindliche Standards für Berichte fehlen. Dabei haben wir zugleich zahlreiche Standards, die im europäischen Raum wie international im Umlauf sind. Sie können die Skepsis aber nicht verschwinden machen. Zwischen Darstellung und Selbstbild von Unternehmen auf der einen, und der Vermutung darüber, was in Wahrheit geschieht, sehen mehr und mehr Menschen eine manchmal unüberwindbar scheinende Diskrepanz.
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) setzt genau hier an. Diese Art des Lernens vermittelt die nötigen Kompetenzen, um Informationen richtig einzuordnen, kritisch zu betrachten und sich eine eigene Meinung zu bilden. Schüler lernen, bei Materialien zu schauen, von wem die Informationen stammen und welche Daten fehlen. Verbraucher fragen nach, wenn Produkte keine Öko-Siegel tragen oder wenn bestimmte Deklarationen nicht erfolgen. Arbeitnehmer nehmen ihre Rolle als wichtige Stakeholder von ihren Unternehmen wahr und fordern Mitbestimmung. Es geht darum, zu erkennen, dass das eigene Handeln Auswirkungen auf Menschen in anderen Ländern und kommende Generationen hat. Erst wenn jeder Einzelne weiß, wie nachhaltiges Handeln funktioniert, können wir Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft finden.
Die Wirtschaft muss einen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten. Neben gesetzlichen Regeln und Eigeninitiativen spielen aufgeklärte, kritische Bürger dabei eine wesentliche Rolle. Wenn Verbraucher zunehmend Produkte von Unternehmen kaufen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, wird nachhaltiges Handeln zum Wettbewerbsvorteil. Dann lohnt es sich für Unternehmen, in Nachhaltigkeit zu investieren. Dafür sind gut informierte Verbraucher wichtig, die bewusst und eigenständig Entscheidungen treffen. Außerdem brauchen Unternehmen Manager und Mitarbeiter, die nachhaltiges Denken in die Betriebe bringen. In beiden Fällen ist Bildung für nachhaltige Entwicklung das zentrale Instrument.
Diese Ausgabe des BNE-Journals klärt, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung und Corporate Social Responsibility zusammenpassen. Mit Beiträgen zu den Vor- und Nachteilen von Schulsponsoring, Nachhaltigkeitsberichten und betrieblicher Bildung für CSR schildern Experten, wie vielfältig das Thema ist. Kritische Stimmen hinterfragen die Wirksamkeit von CSR und zeigen alternative Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung auf. Insgesamt bietet die Publikation für Neueinsteiger einen Überblick über die verschiedenen Aspekte des Themas und ermöglicht neue Blickwinkel.
Prof. Dr. Gerhard de Haan
Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung"
Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation, zum Seitenanfang



