Bildung für nachhaltige Entwicklung in Kindergärten
© erysipel/ pixelio.deBildende
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Elementarbereich ist wichtig, hat aber bisher in Kindergärten und Kindertagesstätten zu wenig Einzug gehalten. Mareike Spielhofen erläutert, wo Nachholbedarf ist und zeigt, wie die Idee "Nachhaltigkeit lernen" schon früh Früchte tragen kann. Der Artikel ist im "Netzwerk UmweltBildung", dem Rundbrief von Ökoprojekt - MobilSpiel e.V., erschienen.
"Lediglich vier von rund 70 Maßnahmen des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und nur 45 von 1.000 Dekade-Projekten widmen sich dem Bereich der frühkindlichen Bildung", sagt Barbara Benoist von der Leuphana-Universität Lüneburg. Außerdem fehle bislang eine systematische Implementierung, z.B. über bundesweite, wissenschaftlich begleitete Modellprojekte, es fehlten Publikationen und Forschungsarbeiten zum Thema sowie die konsequente Verankerung in vielen Bildungs- und Erziehungsplänen.
BNE im Kindergarten – geht das überhaupt?
Viele Einrichtungen haben großen Respekt vor der vermeintlichen Komplexität des Themas. Dennoch sei BNE auf jeden Fall für den Elementarbereich geeignet, so Benoist. Denn in der frühen Kindheit werden entscheidende Grundlagen für Werte, Einstellungen, Wissen und Grundeinsichten gelegt. Dabei spielen gerade Kindertageseinrichtungen eine Schlüsselrolle. Sie bringen schon von Haus aus wichtige Potenziale mit: Gemeinwesenorientierung und Verortung in der Bildungslandschaft, ihr sozio-kulturelles Umfeld, Expertise in der Elementarpädagogik sowie die Bildungsprozesse. Das Wichtigste sind jedoch die Drei- bis Sechsjährigen mit ihrer spezifischen Weltanschauung. Kinder in diesem Alter haben eine ganz eigene Logik, die Realität und Phantasie verbindet, sind neugierig auf die Welt, möchten erkunden, experimentieren und hinter die Dinge sehen. So bietet der Elementarbereich selber viele Anknüpfungspunkte für BNE – die sogar, laut Benoist, zu einer qualitativen Weiterentwicklung von BNE insgesamt führen können.
Anknüpfungspunkte für BNE im Kindergarten
Die Ideen der BNE müssen den Einrichtungen daher nicht übergestülpt werden: Kindergärten finden zahlreiche Anknüpfungspunkte an das eigene Konzept, Erzieherinnen können einen neuen Blickwinkel zur Gestaltung ihres Bildungsauftrages entdecken. Außerschulische Partner bringen neue Impulse in die Kindergärten und sind sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen eine spannende und lehrreiche Abwechslung. Dies zeigen auch Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung, die das Institut für integrative Studien der Leuphana Universität Lüneburg zu zwei Projekten "Leuchtpol – Energie und Umwelt neu erleben!" (s. unten) und "KiTa 21 – Die Zukunftsgestalter" durchführt. So scheinen zum Beispiel Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte eine geeignete Strategie zu sein, BNE in Kindertageseinrichtungen zu verankern.
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Erzieherinnen auf Leuchtpol-Veranstaltung in Wiesbaden © LeuchtpolBildende
Projektbeispiel 1: Leuchtpol
Leuchtpol ist derzeit das bundesweit größte Bildungsprojekt für Erzieherinnen in Kindergärten zum Thema Energie und Umwelt. Die Regionalbüros von Leuchtpol bieten bundesweit kostenlose berufsbegleitende Fortbildungen an. Bis Ende 2012 will Leuchtpol zehn Prozent aller Kindergärten in Deutschland
erreichen, das entspricht rund 4.000 Einrichtungen. Die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung e.V. (ANU) hat das Projekt als alleinige Gesellschafterin initiiert, E.ON fördert es finanziell. Experten haben ein pädagogisches Konzept entwickelt, das auf praxiserprobten Ansätzen der Umweltbildung und aktuellen Forschungsergebnissen der Pädagogik basiert. Die unabhängige wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch die Leuphana Universität Lüneburg soll einen hohen pädagogischen Standard garantieren.
Kostenlose Fortbildungen
In Seminaren erarbeiten die Teilnehmer verschiedene Möglichkeiten, wie Kinder Näheres zu Energie und Umwelt erfahren können – durch Geschichten, eigenes Reflektieren und indem sie selbst entdecken und erleben. Die Erzieherinnen greifen dann Alltagserfahrungen der Kinder auf, vertiefen diese zum Beispiel durch Experimente und erarbeiten erste Erklärungsmodelle. Die Erzieherinnen fördern damit die Neugierde und den Forscherdrang der Kinder. Alle Inhalte und Methoden der Fortbildungen sind eng an den Bedürfnissen der Kindergärten und Erzieherinnen ausgerichtet und orientieren sich an den Fähigkeiten der Kinder. So steht z.B. das sinnliche Erleben im Vordergrund. Kinder erleben, wie Wasser sich durch Wärme von Eis zu Flüssigkeit bis zu Dampf wandelt oder wie die Sonne durch Brennglas scheint und Hitze erzeugt.
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leben gestalten lernen © Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V.Bildende
Projektbeispiel 2: leben gestalten lernen - Werte leben
Wie die Werthaltung im Kindergartenalltag bei 3- bis 6-jährigen Kindern praktisch gefördert und gestärkt werden kann, zeigt der Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) mit seinem neuen Sammelordner "leben gestalten lernen - Werte leben" sowie einer Fortbildungsreihe für Einrichtungen. Der LBV hat sieben Werthaltungen herausgearbeitet. Sie sollen dazu beitragen, Kinder wieder genauer hinschauen zu lassen, was im Leben wirklich wichtig ist: Lebensfreude, Mut, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen, Offenheit, Achtung, Wir-Gefühl. Zu diesen Werthaltungen liefert der Materialordner Spielvorschläge, Experimente und Aktionen, zugeordnet für den Kindergarten-Alltag. Der Bezug zu den Themen nachhaltiger Entwicklung (wie Wasser, Energie, Ernährung, Mobilität etc.) wird bei den Anregungen ebenfalls aufgezeigt. "Werte sind wichtig für die Zielfindung in der Bildung für nachhaltige Entwicklung – etwa bei der Fragestellung: warum sollte ich nachhaltig Handeln", erklärt Lena Hauselt vom LBV das Konzept. Werthaltungen geben Kindern Orientierung, helfen ihnen sich zu entscheiden, was sie benötigen und was nicht, wie sie sich gegenüber anderen in der Familie, im Freundeskreis oder in der Gesellschaft verhalten. Der neue Sammelordner ist ab September beim LBV erhältlich.
Projektbeispiel 3: Bewegt in die Zukunft
Von einer etwas anderen Seite packt Ökoprojekt – MobilSpiel e.V. Bildung für nachhaltige Entwicklung für Kindergärten an. Im Auftrag der Stadt München und im Rahmen des Mobilitätsmanagementprogramms "Gscheid mobil" führt der Verein ein Projekt zur nachhaltigen Mobilitätsbildung durch – eines der großen Themen der BNE. Es knüpft an die klassische Verkehrserziehung an und erweitert diese um die Bereiche Psychomotorik, Sozialverhalten und Umweltbildung. Dadurch sollen die Kinder einerseits lernen, sich im Wohn- und Verkehrsumfeld sicher und selbständig zurechtzufinden und andererseits das Verkehrsverhalten in unserer Gesellschaft zu thematisieren.
Konzepte für Kleine und Große
Es gibt zwei Konzepte: BAMBINI mini für die 3- bis 4-jährigen Kinder und BAMBINI maxi für die 5- bis 6-jährigen Kinder. Bewegung steht bei beiden Konzepten im Vordergrund. "Bei den Kindern werden durch spielerische Übungen Fähigkeiten erweitert und gefestigt, die im Straßenverkehr eine große Rolle spielen und auf das spätere Fahrradfahren ausgerichtet sind. Bei den 3- bis 4-Jährigen soll zudem die Ausdauer für das zu Fuß gehen gestärkt werden", erklärt Katja Tebbe von Ökoprojekt – MobilSpiel. In den Einrichtungen begleiten Mitarbeiterinnen des Vereins das Projekt: Sie bieten eine Vorbesprechung an, stellen Ablaufpläne und Material zur Verfügung, begleiten einige Veranstaltungen und gestalten einen Elternabend. "Um die Kinder zusätzlich zu motivieren und für einen schönen Projekt-Abschluss qualifizieren sich die Minis zu Bewegungsexperten und erhalten eine entsprechende Urkunde. Bei den Maxis steht eine Rollerprüfung an und sie erhalten einen Rollerpass", berichtet Tebbe.
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