BNE-Portal: Interview: Engagement für Nachhaltigkeit erfolgreich fördern



Interview: Engagement für Nachhaltigkeit erfolgreich fördern

Handlungsorientiertes Lernen ist eine sehr gute Methode, um Fähigkeiten wie Teamarbeit, vorausschauendes Denken und Empathie zu vermitteln. Diese Art des Lernen ist einer der zentralen Bausteine der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wer das Konzept sinnvoll umsetzt, kann damit das Engagement der Menschen für ihre Region fördern. Das zeigt eine Studie von Dr. Johanna Schockemöhle.

Die Wissenschaftlerin von der Universität Vechta entwickelte für ihre Dissertation ein Konzept zum außerschulischen Lernen in der Region – es trägt den Namen "Regionales Lernen 21+". In 5 europäischen Ländern wurde das Programm am Beispiel von Lernangeboten zum Thema Ernährung und Nachhaltigkeit erprobt und sein Erfolg ausgewertet. Die EU hat die Studie im Rahmen des Projektes ALICERA gefördert.

BildanfangJohanna SchockemöhleJohanna Schockemöhle © privatBildende

Frau Schockemöhle, wie sehen die Lernangebote aus, die während des Projektes entstanden sind?

Wir haben gemeinsam mit allen Partnern insgesamt 36 Module entwickelt. Sie enthalten konkrete Vorschläge und Materialien für Pädagogen und andere Multiplikatoren. Es gibt Ideen für  viele außerschulische Lernorte, zum Beispiel für Bauernhöfe, Bäckereien oder anderen Betrieben, die Lebensmittel herstellen. Wir haben Angebote für alle Altersgruppen entwickelt.

Was ist das Besondere an dem Konzept zum regionalen Lernen, das Sie entwickelt haben?

Unsere Grundidee war folgende Annahme: Wer Bildung für nachhaltige Entwicklung umsetzt, gibt  Lernenden die Chance Gestaltungskompetenz zu erwerben. Das sind zum Beispiel Fähigkeiten wie  Teamarbeit, vorausschauendes Denken und Empathie. Lernende eignen sich solche Fähigkeiten am besten an, wenn sie ganz konkret handeln und planen.  Die Region ist ein idealer Erfahrungs- und Handlungsraum dafür. Sie bietet viele Anlässe und Möglichkeiten, sich mit politischen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Fragestellungen ganz praktisch auseinanderzusetzen. Zudem fördert eine umfassende Gestaltungskompetenz die Verbundenheit, das Wissen und den Einsatz der Lernende für ihre Region. Eine gestärkte regionale Identität unterstützt wiederum das Engagement jedes Einzelnen in seinem Nahraum. Genau das wollen wir mit dem regionalen Lernen erreichen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel eine Hoferkundung für Erwachsene. Sie besuchen einen Bauernhof, informieren sich in kleinen Gruppen über die Arbeitsabläufe, die Vermarktung der Produkte und vieles mehr.  Es gibt spielerische Elemente, etwa einen Geschmackstest von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Am Ende stellen die Teilnehmer auch selbst etwas her bzw. helfen dabei, zum Beispiel beim Abfüllen von Likör oder basteln Halloween-Lichter. Sie diskutieren später bei einem Essen auf dem Hof ihre Erfahrungen.  Es bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte zu Nachhaltigkeit: Was kaufe ich ein, um regionale Produkte zu fördern? Was ist der Unterschied zwischen konventioneller und Bio-Landwirtschaft? Oder ein Vorschlag für Kindergarten-Kinder: Sie stellen Käse her und erfahren so vieles rund um das Thema Ernährung und Landwirtschaft.

Das Konzept wurde in 5 europäischen Regionen umgesetzt, Sie haben den Lernerfolg der Teilnehmenden untersucht. Mit welchen Ergebnissen?

Wir haben in allen Projektregionen mehr als 2.100 Menschen befragt, die an den Bildungsangeboten teilgenommen haben – jeweils vor und einige Zeit nach der Teilnahme. Zudem haben wir jene Menschen interviewt, die unser Konzept umgesetzt haben. Wenn Lernangebote handlungsorientiert gestaltet sind, wenn die Lernenden sich also selbstständig Inhalte aneignen und mit anderen gemeinsam aktiv werden, erwerben sie wichtige Schlüsselkompetenzen. Zum Beispiel, im Team mit anderen zu planen und zu handeln, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, vernetzt zu denken, Empathie mit anderen zu entwickeln. Also genau jene Fähigkeiten , die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vermitteln will und mit anderen Fähigkeiten unter dem Begriff "Gestaltungskompetenz" zusammenfasst.

Haben alle Teilnehmenden in gleicher Weise von den Lernangeboten profitiert?

Nein, das war das zweite zentrale Ergebnis: Es ist wichtig, auch bei außerschulischen Angeboten individuell auf die Voraussetzungen der Lernenden einzugehen. Die Gruppen sind immer heterogen, die Teilnehmer haben ganz unterschiedliche Ausgangslevel. Menschen, die bereits ein hohes Maß an Gestaltungskompetenz mitbrachten, haben nicht so von den Veranstaltungen und Inhalten profitiert wie andere. Auch hier gilt es also differenzierte Angebote zu machen. Außerdem haben Jugendliche am meisten profitiert. Bei Erwachsenen scheint es generell schwieriger, Denk- und Verhaltensmuster zu ändern – sie sind oft schon eingefahren. Bei den Kindern konnten wir aus Altersgründen Veränderungen in der Gestaltungskompetenz nicht umfassend ermitteln, aber auch hier haben sich einige Merkmale, zum Beispiel was Einstellungen angeht, positiv entwickelt.

Hat sich Ihre Hypothese bestätigt, dass die Lernenden durch die Angebote auch mehr über Region wissen, sich ihr stärker verbunden fühlen und sich mehr engagieren?

Ja, auch dafür haben wir Belege gefunden. Wir haben die Menschen noch einmal befragt – 6 Monate nachdem sie das Lernangebot hinter sich hatten. Wir haben gesehen, dass sich die Mehrheit mit ihrer Region stärker verbunden fühlte als zuvor und einige haben sich auch für regionale Initiativen oder ähnliches engagiert. Eigentlich ist das ja naheliegend: Wer lernt, vernetzt zu denken und Empathie entwickelt, der wird auch komplexe Zusammenhänge in seiner Umgebung besser wahrnehmen und ist in der Lage, sich in Probleme hinzudenken. Das fördert regionales Engagement.

Sie haben auch die Lehrer und Multiplikatoren interviewt, die die Angebote durchgeführt haben. Wie beurteilen sie das regionale Lernen?

Zunächst einmal muss man leider feststellen, dass die meisten BNE und Gestaltungskompetenz nicht kannten. Trotzdem haben sie mit Hilfe des Konzeptes zum regionalen Lernen und der erarbeiteten Lernangebote  wie gesagt sehr gute Ergebnisse erzielt und den Lernenden eben jene Kompetenzen vermittelt.
Voraussetzungen für den Erfolg waren nach Auskunft der Multiplikatoren zum einen das handlungsorientierte Lernen der Teilnehmer. Zum anderen sehen sie für sich selbst eine gute Unterstützung durch ein Netzwerk als wesentlich an. Denn Netzwerke bieten Anregungen, Austausch mit anderen, Unterstützung durch Materialien und Fortbildungen. Außerdem sind sich die meisten Multiplikatoren einig, dass der Lernerfolg höher ist, wenn die außerschulischen Veranstaltungen im Unterricht vor- und nachbereitet werden.

Was muss sich noch tun, um Bildung für nachhaltige Entwicklung und Ihr Konzept des Regionalen Lernens 21+ in der Bildungslandschaft besser zu verankern?

Zunächst einmal sind viele außerschulische Bildungsanbieter unterfinanziert. Nahezu allen beteiligten Institutionen geben das als größtes Problem an. In Deutschland haben wir hier eine Chance. Die Schulen bekommen mehr Eigenverantwortung, können BNE in ihr Schulprofil aufnehmen. In unserem Projekt haben einige Schulen Kooperationsverträge mit außerschulischen Einrichtungen in ihrer Region geschlossen. Das ist sicher ein gutes Modell. Denn bisher hängt es viel zu sehr von einzelnen Lehrern ab, ob eine Schule sich in diesem Bereich engagiert. Verlässt der jeweilige Pädagoge die Schule, bricht der Einsatz für das Thema oft ab. Außerdem müssen Lehrer und alle anderen Multiplikatoren mehr über die bestehenden Netzwerke erfahren, in denen sie Unterstützung bekommen.

Setzen Bildungseinrichtungen die von Ihnen entwickelten Module noch um?

In Niedersachsen ja, da bekommen wir dafür auch Fördermittel. Leider sieht das in anderen Regionen anders aus und viele aufgebauten Strukturen liegen brach.

Alle entwickelten Module mit Aktionsbeispielen zum kostenlosen Download

www.alicera.org

Literatur:

Johanna Schockemöhle (2009): Außerschulisches regionales Lernen als Bildungsstrategie für eine nachhaltige Entwicklung. Entwicklung und Evaluierung des Konzeptes "Regionales Lernen 21".
Weingarten: Selbstverlag des Hochschulverbands für Geographie und ihre Didaktik
ISBN978-3-925319-31-0

Bezug:

schleicher@ph-weingarten.de

Zur Autorin:

Dr. Johanna Schockemöhle lehrt und forscht an der Universität Vechta. Am Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten (ISPA) beschäftigt sich die Diplom-Ökologin mit Bildungskonzepten zur Nachhaltigkeit. Sie entwickelt Konzepte zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, vor allem an außerschulischen Lernorten – etwa Bauernhöfen oder Umweltbildungszentren. Nach ihrem Lehramtsstudium arbeitet sie zunächst selbst in der Umweltbildung bevor sie  als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität wechselte.
Für ihre Doktorarbeit "Partizipation in Regionen durch Bildung fördern – Entwicklung und Evaluierung des Konzeptes ‚Regionales Lernen 21’ als Bildungsstrategie für eine nachhaltige Entwicklung" erhielt sie den Dissertationspreis des Hochschulverbands für Geographie und ihre Didaktik (HGD).


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