"Architektur ist gefrorene Musik"
06.09.11
© Kahlfeldt Architekten Bildende
Wieso werden Schüler in Musik und Literatur unterrichtet, aber nicht in Baukultur oder Architektur? Eine Antwort weiß Prof. Paul Kahlfeldt, Vorstand des Deutschen Werkbunds und der Internationalen Bauakademie Berlin – er spricht auf der Tagung "Bauen und Bildung" am 20. September über "Nachhaltige Stadtentwicklung". Wir haben uns vorab mit ihm über volle Lehrpläne, lesbare Fassaden und sakrale Autoreparaturwerkstätten unterhalten.
Herr Kahlfeldt, warum hat es die Architektur im Gegensatz zur Literatur und Musik eigentlich nie in den gymnasialen Bildungskanon geschafft?
Gute Frage. Vermutlich hat es mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren viele Menschen wohnungslos, es gab sogar öffentlich geförderte Wohnungsbauprogramme zur Eindämmung der Massenobdachlosigkeit. Angesichts der Not, die damals herrschte, waren ästhetische Fragen für breite Schichten schlichtweg irrelevant, es ging ums Überleben. Heute hingegen ist Wohnungslosigkeit in Deutschland eher die Ausnahme, deshalb können wir uns auch überhaupt eine Unzufriedenheit mit der gebauten Umwelt leisten.
Wie ließe sich Baukultur denn vermitteln? Als eigenes Fach? Als Modul?
Ich finde es extrem positiv, dass man sich überhaupt damit beschäftigt. Es müsste nur insgesamt noch stärker um eine ästhetische Sensibilisierung gehen, eine gestalterische, oder überhaupt um eine grundlegende Sensibilisierung. Man müsste versuchen zu zeigen: Da ist etwas, da muss ich mich drum kümmern. Wie das zu vermitteln ist, weiß man noch nicht. Angesichts von Schulzeitverkürzung und immer volleren Lehrplänen fragt man sich ohnehin: Wie soll das denn jetzt klappen? Aber wir können diesen Prozess mitbegleiten, deswegen auch die Tagung am 20. September.
Ist man an den Hochschulen schon weiter als an den Schulen?
Es dauert mindestens sechs Jahre, um die Grundzüge der Baukultur zu verstehen, und meine Absolventen fangen am ersten Arbeitstag trotzdem noch einmal ganz von vorne an. Die Architekten schaffen es nicht, eine Definition davon zu verabschieden, was sie von Hochschulabsolventen erwarten. Es gibt keinen Konsens. Da sollte man anfangen.
Wie sind Sie an die Architektur geraten?
Ich hatte in der Oberstufe den Leistungskurs Kunst gewählt, und ich hatte einen großartigen Lehrer. Er hat mir diese Welt eröffnet, mich für das Thema begeistert. Lernen ist ohnehin sehr personenbezogen, alles steht und fällt mit dem Lehrer. Mein Mathelehrer zum Beispiel war schlecht, er konnte mir das Spannende an der Mathematik nicht vermitteln. Entsprechend sahen dann auch die Noten aus. Dabei hat Architektur durchaus ein logisches Element. Schopenhauer hat es auf den Punkt gebracht: "Architektur ist gefrorene Musik." Man kann keine Fassade komponieren, wenn man nicht weiß, wie ein Stück aufgebaut ist. Umgekehrt sind Fassaden lesbar wie Partituren.
Auf Ihrem Vortrag am 20. September werden Sie auch über einige unerfreuliche Tendenzen in der Baukultur sprechen. Was läuft da schief?
Es gibt da eine interessante Untersuchung: Wenn heute ein Haus seit 200 Jahren steht, ist die Chance sehr hoch, dass es auch weitere 200 Jahre erhalten bleibt. Steht es erst seit zehn Jahren, wird es die nächsten zehn wahrscheinlich nicht überdauern. In Frankfurt wird momentan vieles abgerissen, was zu meiner Studienzeit noch vom Bund deutscher Architekten gefeiert wurde. Umgekehrt explodiert der Denkmalschutz. Die historische Bausubstanz genießt also eine hohe öffentliche Wertschätzung, aber der Nachhaltigkeitsgedanke scheint vielerorts noch nicht angekommen zu sein. Es ist paradox: Viele Architekten wohnen doch privat in Altbauten, auch die, die sich nach außen gerne modern geben.
Welche historischen Gebäude halten Sie denn für besonders gelungen?
Es gibt so 2-3 Gebäude, die man gesehen haben sollte, den Tempel in Paestum bei Neapel etwa [Anm. d. Red.: das UNESCO-Wahrzeichen]. Als Kontrapunkt vielleicht die neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, die kann man tagelang lesen.
Haben Sie solche Lieblingsstücke auch unter ihren eigenen Projekten?
Am wichtigsten sind wahrscheinlich die Engelhardt-Höfe, da steckt viel von meinen Gedanken drin, und viel Herzblut. Das frühe und das späte Werk ist bei Architekten meist am interessantesten. Im Mittelwerk fehlt oft die Euphorie des Beginnens, des Tastens und Suchens. Und im Späten kann man noch mal Resümee ziehen. Deswegen auch Mies‘ Nationalgalerie.
Was wäre Ihr Wunschprojekt?
Ich würde unbedingt gerne mal eine Kirche bauen. Die meisten Kirchen ab 1924 sehen aus wie Autoreparaturwerkstätten, schauen Sie sich das mal an! Aber es ist auch nicht einfach. Ich arbeite dran, aber es ist noch nicht geglückt.
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