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"Wir wollen Nachhaltigkeit für alle erlebbar und erlernbar machen"

16.09.11

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Die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Stadt Freiburg für ihre herausragende Bildungsarbeit als "Stadt der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet. Im Interview berichtet Bürgermeisterin Gerda Stuchlik über das "Freiburger Kleeblatt Nachhaltigkeit Lernen", das geplante United World College für Schüler aus 80 Nationen und ihren Selbsttest zum nachhaltigen Konsum: Eine Woche lang nur Lebensmittel essen, die keinen weiteren Weg als 50 Kilometer hatten.

Frau Stuchlik, durch wen oder was wurden Sie für das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung sensibilisiert?

Die Konferenz von Rio 1992 und die darüber geführten Diskussionen machten mir klar, dass nachhaltige Entwicklung im Zentrum unseres Denkens und Handelns stehen muss. Und durch die Verbindung von Ökologie und Bildung in meinem Dezernat, welches ich seit 1997 leite, konnte ich viele Ansätze entwickeln und mit Partnern umsetzen.

Warum und mit welchem Ziel engagiert sich Ihre Stadt für Bildung für nachhaltige Entwicklung?

Der Gemeinderat der Stadt Freiburg hat am 14 Juli 2009 die vom Freiburger Nachhaltigkeitsrat erarbeiteten "Ziele zur nachhaltigen Entwicklung Freiburgs" als Leitbild und Handlungsprogramm für die Stadt beschlossen. Hierzu gehört als eines von zwölf zentralen kommunalen Politikfeldern der Themenbereich "Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung". Mit seinem Beschluss vom 25. Januar 2011 hat der Gemeinderat die Ziele im Bereich Bildung erweitert. Die Stadt verpflichtet sich nun zur Förderung der Bildung für nachhaltige Entwicklung in Schulen, im Beruf und im Alltag. Ausdrückliches Ziel sind die Stärkung, der Ausbau und die Verankerung von Angeboten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Prozess des lebenslangen Lernens. Durch Bildung für nachhaltige Entwicklung können die Bürger und Bürgerinnen Modelle entwickeln, die zukunftsgerichtet sind und im Einklang mit der Umwelt stehen. Und damit die Gegenwart und Zukunft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestalten.

Aus welchen Gründen hat Freiburg sich als offizielle Dekade-Stadt bei der Deutschen UNESCO-Kommission beworben? Welche positiven Effekte erwarten Sie?

Freiburg ist ein Kompetenzzentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung haben in Freiburg eine lange Tradition und einen hohen gesellschaftspolitischen Stellenwert. Dies spiegelt sich in dem großen Kompetenzpool, dem unter anderem die Universität, die vielen Hochschulen und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, die Ökostation, das WaldHaus, das Eine-Welt-Forum und viele andere Bildungsanbieter angehören, wider.

Die Bewerbung trägt dazu bei, den nachhaltigen Umgang, das nachhaltige Handeln der Bürger und Bürgerinnen in Bezug auf Mobilität, Konsum, Ressourcenverbrauch, Abfall und vieles mehr beispielsweise durch die Einbettung in konkrete Handlungsprogramme der Stadt zu fördern. Städtische Einrichtungen sollen dabei eine Vorbildrolle für einen nachhaltigen Betrieb einnehmen. Die Bewerbung zielte darauf ab, die Wahrnehmung von Bildung für nachhaltige Entwicklung bei Bildungsakteuren als Teil der Allgemeinbildung in Ausbildung, Weiterbildung und berufliche Bildung zu integrieren. Mit der Entwicklung umfassender Kommunikationsstrategien für die Bildungslandschaft Freiburg wird beabsichtigt, die öffentliche Wahrnehmung von Bildung für nachhaltige Entwicklung zu steigern.

Welche Maßnahmen wird Ihre Stadt in den nächsten Jahren ergreifen, um Bildung für nachhaltige Entwicklung strukturell und thematisch in die städtische Bildungslandschaft zu integrieren?

Bei der Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung sollen die Unterstützungsstrukturen für Kitas, Schulen und zivilgesellschaftliche Akteure erweitert werden. Ferner soll Bildung für nachhaltige Entwicklung stärker an den Green Tech Bereich, das heißt an Umweltbranchen und -technologien, die sich mit Energieeffizienz, nachhaltiger Mobilität, Kreislaufwirtschaft sowie Rohstoff- und Materialeffizienz beschäftigen, gekoppelt werden, da diesen im Hinblick auf die Entwicklung und Umsetzung umweltverträglicher Technologien und Verfahren eine zentrale Rolle zukommt. Hierbei ist auch eine stärkere Verbindung von formalen, non-formalen und informellen "Lernsettings" wie etwa Schule, Eltern bzw. Familie und Einrichtungen der offenen Jugendarbeit geplant.

Ein weiterer Schritt wird sicherlich die Einrichtung des United World College (UWC) in Freiburg sein. In diesem College leben und lernen Jugendliche aus bis zu 80 Nationen in einer Gemeinschaft zusammen, die Toleranz, Völkerverständigung, Frieden und Gerechtigkeit als wichtigste Ziele definiert. In Freiburg wird der Bereich "Nachhaltigkeit" ein besonderer Schwerpunkt sein.

"LEIF – Lernen erleben in Freiburg", der Nachhaltigkeitsrat und das Eine-Welt-Forum sind nur drei Projekte von vielen in Freiburg. Doch sie haben Modellcharakter…

Ja, das stimmt. Das "Freiburger Kleeblatt Nachhaltigkeit Lernen" zielt etwa darauf ab, Nachhaltigkeit für alle erleb- und erlernbar zu machen und so zu zukunftsfähigen Lebensstilen zu befähigen. Hierzu vernetzt es verschiedene Anbieter systematisch miteinander, die für Kindergärten, Schulen, Studenten, Eltern, Senioren und andere zum Thema "Bildung für nachhaltige Entwicklung" gemeinsame Lernangebote – "Kleeblätter" – zu Schlüsselthemen wie etwa Klimaschutz entwickeln. Innovativ ist, dass sich die Anbieter im Rahmen des Kleeblattes aufeinander abstimmen und jedes Kleeblatt vier Perspektiven der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie, Soziales, Kultur – beleuchtet. Das Freiburger Kleeblatt Nachhaltigkeit Lernen wurde hierbei um die Dimension "Kultur" erweitert, es verlässt also den klassischen Ansatz der Lokalen Agenda 21. Das Freiburger Kleeblatt Nachhaltigkeit Lernen begleitet die verschiedenen Stationen einer individuellen Bildungsbiografie von der Kindertagesstätte über Grundschule, weiterführende Schule, Ausbildung, Studium bis hin zu Beruf, Weiterbildung und Nacherwerbsleben.

Der Veranstaltungszyklus "Nachhaltigkeit als Lebenskunst", ein Kooperationsprojekt der Stadt mit der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Erzdiözese Freiburg, stellt das Nachdenken über grundlegende Wertorientierung unserer alltäglichen Lebenswelt in den Vordergrund. Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Frage der geeigneten Technik und der richtigen Planung. Entscheidend sind grundlegende Wertorientierungen und Einstellungen, die die Lebensweise der Menschen und unsere gesellschaftliche Wirklichkeit prägen. In einer Reihe von Veranstaltungen werden die ethischen und kulturellen Grundlagen von Nachhaltigkeit bewusst gemacht und Formen der Umsetzung im Alltag aufgezeigt. In mehreren Themenzyklen behandelt die Veranstaltungsreihe Themen, die im Fokus der Frage nach einem "guten Leben" stehen: Zeit, Lebensmittel, Raum, Generationen, Hören, Energie.

Zur Stärkung und Verankerung der Bildung für nachhaltige Entwicklung im Prozess des lebenslangen Lernens wird die Stadt im kommenden Jahr ein Fonds "Bildung für nachhaltige Entwicklung" einrichten. Mit dem Fonds sollen die Anbieter von Lernorten und -angeboten für Bildung für nachhaltige Entwicklung finanziell unterstützt werden. Im Sinne der Grundidee des Freiburger Kleeblatts sollen Angebote zu Themen gefördert werden, die mehrere Dimensionen der Nachhaltigkeit erlebbar machen.

Möchten Sie mit Ihrem Engagement eine gewisse Zielgruppe ansprechen?

Alle Bürger und Bürgerinnen können und sollten einen eigenen Beitrag leisten.

Haben Sie sich persönlich in letzter Zeit in Bezug auf Nachhaltigkeit fortgebildet bzw. konkret nachhaltig gehandelt?

Der Naturparkmarkt Anfang August in Freiburg hat mir einige Anregungen zum regionalen Konsum gegeben. Ganz besonders reizvoll ist darüber hinaus das Freiburger Projekt "200 Familien aktiv für das Klima", welches ich initiiert habe und bei dem ich zugleich Teilnehmerin bin. Denn auch hier lautet eine der Übungen: "Eine Woche nur mit Lebensmitteln leben, die aus einem Radius von 50 Kilometern kommen." Die Umsetzung dieses Vorhabens war keineswegs leicht, allerdings hat sich die Mühe gelohnt – denn ich habe mich sehr wohl dabei gefühlt, bewusst nachhaltig zu leben.


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