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Aus alt mach neu: die Bücherboxx

25.11.11

Bildanfang20111125_Repotage DekadeProjekt Bücherboxx© Sarah TheurerBildende

Winterzeit ist Lesezeit. Ein ganz besonderes Leseerlebnis bieten die Bücherboxen, die nicht nur Vorbild für Nachhaltigkeit sind, sondern auch  Treffpunkt, Gedenkstätte und Straßenkunst.

Kaum bin ich am Bahnhof Grunewald in Berlin aus der S-Bahn ausgestiegen, stehe ich vor der bunt besprühten Telefonzelle. Man kann gar nicht daran vorbeigehen. Ein Mann hat sein Fahrrad an die nahe Parkbank gelehnt und kniet auf dem Boden der Kabine. Er hält zwei Bücher in der Hand: "Ich muss eigentlich dringend weiter, kann mich aber gar nicht losreißen", sagt er und strahlt. Die Telefonzelle am S-Bahnhof Grunewald ist eine von drei Berliner BücherboXXen.

Früher standen sie überall, die gelben Telefonhäuschen. Doch nach der Wende und vor allem mit dem Aufkommen der Mobiltelefone verschwanden sie von den Straßen. "Jetzt sind sie wieder da!"  Konrad Kutt, Leiter des BücherboXX Projektes, wuchtet  einen vollen  Bücherkarton vom Gepäckträger seines Fahrrads. "Wir haben die Telefonzellen verändert, weiterentwickelt, sozusagen recycelt", erklärt Herr Kutt, der bald für alle Konrad ist.

Die Leute hier kennen ihn und seine Telefonbox, sie grüßen, bleiben stehen und plaudern kurz, eine Frau  bringt neue Bücher vorbei, räumt ein, auf und um. "Jeder kann hier Bücher ablegen, die er nicht braucht, damit andere sie mitnehmen und lesen". "Bookcrossing" nennt sich das, und das Konzept scheint zu funktionieren. Auf dem knappen Quadratmeter der Telefonzelle stehen etwa 60 Bücher auf selbst eingebauten Regalen.

Umgebaut werden die ehemaligen "öffentlichen Fernsprecher" von Auszubildenden des Oberstufenzentrums  Holzwirtschaft und die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG)  Signum in Berlin. Verwaltungsauszubildende  koordinieren die einzelnen Gewerke und beantragen die Stellplätze bei den Bezirksämtern. Eine Schulklasse der Marcel Breuer Schule übernimmt das Management, die Werbung und die Wartung einer BücherboXX. Herr Kutt, der lange Zeit bei dem Bundesinstitut für Berufsbildung gearbeitet hat, legt großen Wert auf Bildung für nachhaltige Entwicklung. "Das didaktische Konzept der Juniorenfirma bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, nachhaltige Problemlösungsvorschläge zu erarbeiten. Sie entwickeln dabei Kompetenz für nachhaltiges unternehmerisches Denken und Handeln und erproben ihre Ideen auf dem Markt."

Die BücherboXX hat viel mediale Aufmerksamkeit bekommen und so habe ich am "Institut für Nachhaltigkeit in Bildung, Arbeit und Kultur" (INBAK) bei Filterkaffee und heimeliger Atmosphäre  dann noch Gelegenheit die Auszeichnungen und all die anderen Projekte des Instituts zu bewundern. "Zeit für Fundraising bleibt da nicht", meint Konrad Kutt und stellt Käsekuchen auf den Tisch. "Aber zur Finanzierung der BücherboXXen haben wir  ein neues Projekt: Die GreenCard." In einer Schachtel sind 42 bunte Pappkärtchen, die man zur Anerkennung für nachhaltiges Verhalten an Mitmenschen verschenkt.

Mit der Zeit ist es draußen dunkel geworden, dabei wollte ich doch auf dem Rückweg zur Bahn nochmal schnell in der BücherboXX vorbei schauen und mir ein Buch für die Fahrt mitnehmen. Doch in der Zelle brennt Licht. Eine Frau steht darin und blättert im Schein der solarbetriebenen Lämpchen in einem dicken Bildband über jüdisches Leben in Deutschland. 70 Jahren sind vergangen, seit am Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald der erste Deportationszug startete – und die Bücher in der Box nehmen darauf Bezug. "Für ein Erinnern sind Bücher doch viel besser als so eine graue Gedenktafel", findet die Leserin und fügt hinzu: "Die Telefonzelle verschönert den Ort des Gedenkens und lässt die Menschen positiv in die Zukunft blicken."

Die Standorte der anderen BücherboXXen
Informationen zum Institut INBAK
Mehr über Bookcrossing


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