Ernährungsserie (1): Was hat mein Pausenbrot mit dem Klima zu tun?
30.01.12
© Rosemarie Gearhart/istockphoto.comBildende
Täglich verspeisen Millionen von Schulkindern ein Butterbrot, ebenso viele Erwachsene. Nur leider ist die Klimabilanz von Butter die schlechteste, die ein Brotbelag haben kann. Doch wie schlüpft das CO2 in die Butter?
Welche Mutter denkt sich Böses, wenn sie ihrem Kind ein Butterbrot zum Frühstück schmiert und ein Glas Milch dazu stellt? Beides sind Klassiker und es scheint nicht gewagt, zu behaupten, dass nahezu jeder von uns schon einmal ein Butterbrot gegessen hat. Schließlich packen sich Millionen von Schulkindern täglich geschmierte Brote für die Große Pause in ihre Rucksäcke und Taschen. Pur, mit Käse, Wurst oder Marmelade. Auch zum Abendbrot verzehren Deutsche gern ihre Schnittchen. Das ist von den Tafeln hierzulande einfach nicht wegzudenken. Doch mit unserem derzeitigen Wissen ist das harmlos erscheinende Butterbrot mit einem Glas Milch dazu klimaschädlicher als ein Müsli mit Früchten oder ein Stück Brot mit pflanzlichem Aufstrich zum Glas Tee oder Fruchtsaft.
Butter ist klimafeindlicher als Rindfleisch
Der Klassiker Butter ist das Nahrungsmittel mit der schlechtesten Klimabilanz. Laut einer Studie der schon seit den 70er Jahren etablierten unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtung "Öko-Institut" zu den Treibhausgasemissionen einzelner Lebensmitteln rangiert das Streichfett sogar weit vor Rindfleisch, das immerhin als besonders klimafeindlich gilt. Was aber ist der "CO2-Rucksack" eines Lebensmittels und damit auch unser so genannter CO2-Fußabdruck? Wie schlüpft das CO2 in die Butter, das Steak oder überhaupt in Nahrung tierischen Ursprungs wie Milch, Joghurt und Co.? Die Herstellung von Nahrungsmitteln setzt neben CO2 genauso Methan, Distickstoffmonoxid (Lachgas) und Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) frei. Letztere sind jedoch klimaschädlicher, weshalb sie in CO2-Werte umgerechnet werden, Methan etwa wird mit 23 multipliziert. Aber was macht gerade die Butter so klimafeindlich? Butter ist tierischen Ursprungs, was bedeutet, dass viele Einzelschritte durchwandert werden müssen, bis sie als goldgelbes Streichfett auf unser Butterbrot gelangt. Bei einem Radieschen etwa gibt es nicht so viel zu tun und entsprechend gering fällt der Treibhausgasausstoß aus. Kurz gefasst könnte die Regel gelten: Je naturbelassener ein Lebensmittel, desto weniger klimaschädlich!
Bildanfang BildendeFür die Butterproduktion wird landwirtschaftliche Fläche genutzt. Die lechzt nach Dünger und dabei entsteht bereits klimaschädliches Lachgas, welches rund 310 Mal schädlicher ist als CO2. Hinzu kommt das Viehfutter: Für eine tierische Kalorie des Endprodukts benötigt der Hersteller zehn pflanzliche, so die Angaben des unabhängigen Kölner Katalyse-Instituts für angewandte Umweltforschung. Für Brot ist das Verhältnis indes 1 zu 1 bezogen auf den Energiegehalt, weil für die Herstellung von Backwaren nicht so viele Veredelungsschritte notwendig sind wie im Laufe der Herstellung von Hartkäse oder Rindersalami.
Milchgebende Wiederkäuer produzieren Unmengen an Methan
Damit unsere tierischen Nahrungslieferanten schneller groß und stark werden, erhalten sie im konventionellen Mastbetrieb kein Gras sondern in der Regel Soja-Kraftfutter, etwa aus Mittelamerika – fast so, als würden die Kühe am Amazonas weiden. Dass für unseren Fleischhunger und Milchdurst in Mittelamerika immer wieder Regenwald gerodet wird, um Ackerland zu gewinnen, hat dazu geführt, dass ein Fünftel des Amazonas-Regenwaldes schon verschwunden ist. Damit geht jedoch wertvolle Fläche fürs Klima unwiederbringlich verloren.
Zudem fließen für ein Kilo Fleisch tausende Liter Frischwasser. Dass die rund 1,4 Milliarden Rindviecher weltweit als Wiederkäuer Mengen an Methan und Lachgas freisetzen, zahlt auch ein auf die Gesamtbilanz von Butter. Da sie Wiederkäuer sind, genauso wie Schafe und Ziegen, produzieren sie in ihren Mägen große Mengen Methan. Auch die Exkremente der Tiere belasten das Klima. Schließlich kommt der Transport der Soja nach Europa hinzu, denn die Hälfte des Futters in deutschen Futterkrippen ist importiert.
Verdichtung und Veredelung sind CO2-Treiber
Doch das ist nur ein Teil der so genannten CO2-Bilanzierung. Noch lange liegt das Brot mit der Butter darauf nicht auf unserem Teller. Ein weiterer, großer Posten, der sich negativ auf die Klimabilanz der Butter auswirkt, ist ihre hohe Verdichtung: Um ein Kilo Butter herzustellen, werden 20 bis 25 Liter Milch benötigt. Der so genannte Veredelungsverlust entsteht aufgrund der vielen Einzelschritte von der Rohmilch bis zum verzehrfertigen Produkt, die allesamt Energie verbrauchen. Das erklärt, wieso Butter die Liste der klimaschädlichen Lebensmittel anführt. Ein Kilo davon setzt am Ende rund 23.500 Gramm CO2-Äquivalente frei. Zum Vergleich: Ein Kilo Rindfleisch kommt auf 13.300 Gramm CO2-Äquivalente, während das Kilo Brot mit nur 720 Gramm zu Buche schlägt.
Diese Berechnung im Kleinen, die das Schulkind, seine Eltern und die tägliche Butterstulle betrifft, muss schließlich in den großen Kontext eingeordnet werden: Global betrachtet besetzt die Fleisch- und Milchproduktion rund 80 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzflächen. Während im Jahr 2006 nach einer Berechnung der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) die Summe der durch die Viehhaltung erzeugten Klimagase global auf 18 Prozent festgelegt wurde, liegt die Summe laut neueren Berechnungen, veröffentlicht im Winter des Jahres 2009 vom World Watch Institute (WWI), wesentlich höher: Die Autoren Robert Goodland und Jeff Anhang gehen davon aus, dass die Vorleistungsproduktion wie etwa das Abholzen von Regenwäldern zu gering eingeschätzt wurde bei der Kalkulation der FAO, und schreiben der Viehhaltung über 50 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emission zu. So oder so laut FAO mehr als die Treibhausgasemissionen des weltweiten Verkehrs.
Neben dem "fleischlosen Montag" nun das vegetarisches "Butter"brot
Für sich allein betrachtet ist der Verzehr eines Butterbrotes nichts Schlimmes. Da aber der Fleisch- und Milchproduktekonsum in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen und sich von 1961 bis heute von 71 Millionen auf 284 Millionen Tonnen erhöht hat, sollte unsere Art der Ernährung überdacht werden. Es sei denn, wir wollen, dass die Kalkulation der Welternährungsorganisation FAO eintritt, die mit einer Verdoppelung der Fleischnachfrage bis 2050 rechnet. Nicht nur, weil die Weltbevölkerung weiter wächst, sondern auch, weil sich die Ernährungsgewohnheiten global ändern und der wachsende Wohlstand in Ländern wie China dazu führt, dass sich die dort entstehende Mittelschicht mehr Fleisch leisten will – und kann. Ebenso steigt die Nachfrage nach Milchprodukten, befeuert durch eine ebenfalls wachsende Nachfrage in Südasien und Lateinamerika.
Wenn allein die rund zwölf Millionen Schulkinder in Deutschland mehrmals pro Woche statt ihres "Butter"brots einen vegetarischen Brotaufstrich als Pausensnack wählen würden, so würde sich die CO2-Emission schon ordentlich verringern. Hierzulande umfassen die Treibhausgasemissionen der Ernährung etwa ein Fünftel der Gesamtemissionen. Auf den Einzelnen heruntergerechnet, geht laut WWF Schweiz ein Drittel der Umweltbelastung auf das Konto der individuellen Essvorlieben. Den größten Anteil haben Fleisch und Milch, weil Pflanzliches dreimal weniger CO2-Äquivalente verursacht. Gibt es folglich nur noch drei Mal pro Woche ein Steak oder Schweineschnitzel zu Mittag, kann jeder Einzelne seine Umweltbelastung um rund 20 Prozent senken, so rechnet der WWF. Denn, legt man die Zahlen des Bundesverbands der Deutscher Fleischwarenindustrie (BVDF) zugrunde, so verzehrt der Bundesbürger noch immer über 60 Kilo Fleisch im Jahr. Neben Paul McCartneys vorbildlicher Initiative des fleischlosen Montags (Meat Free Mondays) könnten Mütter und Väter ihren Kindern dann weiter Brote schmieren – und den Klassiker Butter im Sinne des Klimaschutzes hin und wieder mit vegetarischen Aufstrichen oder frischen Gurken und Tomaten ersetzen.
© DUK/Sabine Letz
Quellen
Studie des Öko-Instituts e.V. (PDF)
Studie der Food and Agriculture Organization of the UN (PDF)
Studie des World Watch Institute (PDF)
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